Deutsches Sonnen Märchen

von Michael Bukowski, herausgegeben von Karl-Heinz Remmers. Erscheinung: 11/2025 im oekom Verlag 19,-€

Die deutsche Solarwirtschaft hat Geschichte geschrieben. Am 1.4. 2000 verabschiedete der Bundestag das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das kurz danach von etwa 100 Ländern weltweit kopiert wurde. Das Gesetz hat einen unglaublichen Boom ausgelöst und Michael Bukowski erzählt diese Geschichte anschaulich und mit einem ethnographischen Trick. Er lässt einen Außerirdischen 1973 als Beobachter auf die Erde kommen, dessen Aufgabe es ist herauszubekommen, was auf diesem Planeten so los ist und ob es sich lohnt, mit ihm in engeren Kontakt zu treten. Als guter Ethnologe hält er sich aus allem raus, ist neutraler Beobachter.

Kurzweilig, unterhaltsam und lehrreich werden die einzelnen Etappen und deren wesentliche Akteure vorgestellt. Für mich, seit 1990 im Umweltamt tätig, der 1977 am Bauzaun von Brokdorf rüttelte, ein Buch über die eigene Geschichte, für Jüngere ein Lehrbuch um zu verstehen, wo wir heute stehen und welche Gefahren gerade aufziehen, wenn diese Errungenschaften rückgängig gemacht werden.

Wir erinnern uns, 1954 die erste Solarzelle, damals nur eine kleine Meldung in der FAZ wert, dann 1986 Tschernobyl, der Durchbruch der PV in Folge einer Katastrophe. Vorher hatte es die Auseinandersetzungen um die Wiederaufbereitungsanlage in Wiehl mit 28.000 Demonstranten gegeben, die ganz neue Bündnisse hervorbrachten. 81 gründete dann das Fraunhofer Institut eine PV- Sektion und die Firma Wuseltronic startete in Kreuzberg in einer Garage. Sie sollte 20 Jahre später Weltgeschichte schreiben. Bukowski lässt sie alle auftreten und würdigt vor allem die große Bedeutung von Reiner Lemoine, der 2001 mit anderen die Firma Q-Cells gründete und zur weltgrößten Solarfirma machte, bis dann eine verfehlte Förderpolitik ihren Niedergang einleitete, den Reiner, der 2006 verstarb, nicht mehr erlebte.

Ich hatte das große Glück, dass uns Menschen aus dem „Maschinenraum der Politik“ Ostern 2000 brühwarm die Details schilderten, wie dieses bahnbrechende Gesetz den Bundestag und Bundesrat passierte. Diese Erlebnisse schildert Carsten Pfeiffer anschaulich im Buch: „Neben der eigentlichen Arbeit am Gesetz galt es, Verbündete zu organisieren, Gegner zu beobachten, deren Schwächen auszumachen, das volle „Politisches Schachspiel” halt, es war eine „sehr spannende Zeit“. 2002 hatte ich dann selber die Gelegenheit, in Arequipa/Peru dieses Gesetz vorzustellen, während Hans-Josef Fell, einer der beiden „Väter des EEG“, durch Südamerika reiste, um die Systematik dahinter zu erklären. Es war eine Zeit, in der der Aufbruch in eine regenerative Zukunft überall spürbar wurde.

Das Buch beschreibt ausführlich und anschaulich die Widerstände vor allen Dingen von Seiten der Energiewirtschaft. Ich erinnere mich noch daran, wie die BEWAG 1990 jemanden suchte, dessen Aufgabe es sein sollte, BHKW ́s zu verhindern. Dass die Firma Solarworld 2008 dem Papst eine Solaranlage für den Vatikan schenkte, war mir unbekannt, auch, dass kurz danach Papst Franziskus ein E-Auto geschenkt wurde und Claas Helmke machte mit ihm eine Probefahrt. Diese Episode floss ein in das Laudatio Si von 2015. Kurz danach erließ das Kirchenoberhaupt ein Dekret, „Fratello Sole“, dass die Vatikanstadt und Radio Vatikan mittels einer eigenen Solaranlage mit Strom versorgt werde.

Das Buch konzentriert sich auf die Geschichte der PV als Teil regenerativer Energie, deren großer Vorteil sei, dass sich nichts dreht, es also auch keinen Verschleiß gäbe. Aber auch die Solarthermie wird gestreift und darauf verwiesen, dass die Stadtwerke Leipzig gerade mit Ritter Solar (Ritter Sport!!) Deutschlands größte Solarthermie-Anlage errichtet, deren Energie in das Fernwärmesystem eingespeist werden soll. Dieses als kleine Anregung an den Berliner Senat, der gerade dabei ist, eine Milliarde für das Verheizen von Holz bereitzustellen.

Ein Kapitel widmet sich der Agri PV, die Landwirtschaft und Stromproduktion auf der gleichen Fläche realisiert: keine Flächenkonkurrenz, sondern Unterstützung. Die Module schirmen Pflanzen und Böden vor Hagel und Starkregen ab und verhindern Ernteausfälle. Da, so sich Mähdrescher und Module ins Gehege kämen, können Solarzäune helfen, also vertikale Module, die zwar weniger Stromertrag bringen, dafür aber Pflanzen und Böden vor Wind und Austrocknung schützen.

Zum Schluss ruft der Autor die Gerechtigkeit in den Ring: 1 % der Menschheit emittiere so viel Treibhausgase wie die ärmeren 2/3. Diese 2/3 leiden am meisten unter den Folgen und können sich am wenigsten dagegen wappnen. „Die Reichen hauen raus, die „Armen baden es aus“. Mit dieser Erkenntnis macht sich der Beobachter auf den Weg zurück in sein Sonnensystem, um Bericht zu erstatten.

Ich danke Michael Bukowski für diese Berichterstattung einer bewegten Zeit.

Ich möchte zum Schluss anregen, den Heldinnen und Helden dieser Energiewende in Berlin einen Walk of Fame anzulegen.

Weitere Informationen zum Autor: www.bukowski-berlin.de

Artikel als pdf, Deutsches Sonnen Märchen Oekom 2025, Bild: Solarzaun der Firma Hilber Solar, Trins

Über den Autor

Peter Schrage-Aden

Maschinenschlosser, Entwicklungshelfer im Bereich laendlicher Entwicklung, Dipl.Ing. Umwelt-und Verfahrenstechnik, Arbeitsvorbereiter in der Elektronikindustrie, Anlagenüberwachung von KMU für die Umweltverwaltung, Klimaschutzbeauftragter in Steglitz-Zehlendorf

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