Energetisch, sozial und stadtbilderhaltend, das richtige Maß in der Modernisierung

Datum: 16. September 2014
Zeit: 16:30 - 18:30
Ort: Wrangelschlösschen

Moderation: Dipl.-Ing. Peter Schrage-Aden, Aktionskreis Energie e.V. ; n n; n n


Veranstalter: Aktionskreis Energie e.V.

Event

Energetisch, sozial und stadtbilderhaltend, das richtige Maß in der Modernisierung

Energetisch, sozial und stadtbilderhaltend, das richtige Maß in der Modernisierung

Wichtige Akteuren diskutieren über eine sozialverträgliche Gebäudesanierung und -modernisierung, die die Baukultur wahrt und trotzdem den Klimaschutzzielen genügt. Ziel ist es, zu einer Versachlichung dieser oft emotional geführten Debatte beizutragen. Der Klimaschutzbeirat des Bezirk unterstützt diese Veranstaltung und nimmt an ihr teil.

Leitgedanke ist für uns
1. mit möglichst wenig Energie
2. gute und gesunde Lebensbedingungen zu
3. möglichst geringen Kosten und der
4. Wahrung der Baukultur zu sichern.

Mit anderen Worten, wir suchen die Quadratur des Kreises.

Der Aktionskreis hat zu fast allen Themen rund um die Gebäudesanierung in den vergangenen 8 Jahren Beispiele und Anregungen zusammengetragen, vorgestellt und veröffentlicht. Wir möchten mit dieser Veranstaltung diese Erfahrungen bündeln:

Die Konfliktpunkte sind:

Atemluft und Lüftdichtigkeit
Allen Gebäuden ist gemeinsam, dass sie nach einer Sanierung fast luftdicht sind. Deshalb muß nach einer Sanierung häufiger und intensiver gelüftet werden um CO2, Schadstoffe und vor allem die Feuchte abzuführen. Lüftung und Schimmel sind deshalb Begleiter der energetischen Sanierung. Wir möchten hierzu ein gutes Beispiel
vorstellen.

Qualitätssicherung als Schlüssel zum Erfolg
Die Qualitätssicherung wird beim Sanieren von Gebäuden immer wichtiger. Hier bedarf es anderer Steuerungsinstrumente und Kommunikation auf dem Bau und bei der Planung aber vor allem in der Nachsorge.

Zertifizierung als Weg zum Ziel
Durch die Zertifizierung von Baumaßnahmen z.B. nach BNB oder vergleichbaren Systemen und die damit verbundene obligatorische Einführung von Qualitätssicherungsmaßnahmen wie Thermographie und Blower-Door-Test gibt es Instrumente, die eine Qualität sichern und damit helfen, das Sanierungsziel bei moderaten Kosten zu erreichen.

Baukultur
Die Stadt der Zukunft soll zum Verweilen einladen. Wann soll eine Fassade gedämmt werden und wie? Aus den Erfahrungen der letzten Jahre lässt sich ableiten, dass es möglich ist, ein Gründerzeithaus ohne sichtbare Dämmung der Straßenfassade auf einen Wert von 60 kWh/m²a Heizwärmebedarf zu sanieren. Welche Fassaden sollen aus der Dämmung genommen werden und was kann statt dessen gemacht werden. Brauchen wir einen Sanierungsfahrplan zur Beurteilung ? Z.B. bei der optimierten Heizenergieverteilung.

Eine Beweisumkehrung bei der Dämmung der Fassade, wie jetzt z.B. in Pankow diskutiert wird, ist ein Weg, der aber voraussetzt, dass die alternativen Maßnahmen kontrolliert werden?

Diskutiert haben:

  • Ingrid Vogler Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. (BBU)
  • Holger Kirchner, Bezirksstadtrat in Pankow
  • Axel Paul, Haus und Grund
  • Frank W. Lipphardt, Architekt, Verfasser des Fassadenleitfaden Karl Marx Str.

Moderation: Theresa Keilhacker, stell. Vorsitzende der Architektenkammer Berlin

Wir erhoffen uns Anregungen für die Energieberatung, Vorschläge für die Anforderungen an die Verwaltung und Handlungsfelder für den Klimaschutzbeirat des Bezirks.

Einladung als pdf

Positionspapier zur Wärmedämmung

Protokoll als pdf

Leitfaden für die Fassadengestaltung

„Was ist das richtige Maß einer sozial- und klimaverträglichen Gebäudemodernisierung?“

Dieser Frage gingen am 16. September Architekten, Hausbesitzer und Kommunalpolitiker auf Einladung des Aktionskreises Energie und des Klimaschutzbeirats des Bezirks nach. Moderiert von Theresa Keilhacker, Vizepräsidentin der Architektenkammer Berlin, stellten Axel Paul (Haus- und Grundbesitzerverein Steglitz), Ingrid Vogler (Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen) und Frank Lipphardt (Architekt und EnEV-Prüfsachverständiger) fest, dass sie in ihrem Vorstellungen für eine zukunftssichere Stadt weitgehend übereinstimmen.

Damit wurde eine Debatte, die die Architektenkammer Berlin auf den Berliner Energietagen 2013 angestoßen hatte, weitergeführt, um eine „Berliner Linie“ für die energetische Sanierung und Modernisierung zu formulieren.

Auslöser war die medienwirksame Debatte über die Frage, wie die energetische Modernisierung zukünftig gestaltet werden soll. Die Mieten steigen auf Grund der Nachfrage nach Wohnraum, das Stadtbild leidet unter oft unsensibler Modernisierung. Diese Entwicklkung begünstigt auch Vorbehalte gegen die Dämmung von Häusern, die ggf. als weiterer Preistreiber wahrgenommen wird. Die Attraktivität einer urbanen Stadtlandschaft mit hoher Aufenthaltsqualität steigt aber gerade bei jungen Menschen, es ziehen wieder mehr Familien in die innerstädtischen Quartiere. Gleichzeitig kommen bestimmte technische Lösungen der energetischen Sanierung mit Negativbeispielen in die Medien. Die Förderpraxis von Senat (IBB) und Bund (KfW) setzt immer noch einseitig auf den Austausch von Bauteilen und prüft nicht, was tatsächlich dabei herauskommt und ob die einzelnen Maßnahmen sinnvoll abgewogen sind. Die Bauschäden nach unsachgemäße Sanierungen nehmen zu. In der Folge werden Gerichte beschäftigt und Gutachter sind ausgebucht.

Diese Gemengelage hat dazu geführt, dass einzelne Berliner Bezirke sich dafür stark machen, bei Fassadendämmungen und Fenstertausch eine „Beweisumkehrung“ der Erforderlichkeit der Maßnahme zu verlangen. Bislang muss der Hauseigentümer nachweisen, dass eine bestimmte Maßnahme Energieeinsparung erbringt, um sie förderfähig zu machen und sie auf die Miete umlegen zu können. Er muss nicht nachweisen, ob diese Maßnahme insgesamt auch wirtschaftlich ist und ob nicht mit anderen Maßnahmen der gleiche Effekt erzielt werden könnte. So steigt auf der einen Seite die Zahl der ausgetauschten Fenster und Fassadendämmungen, oft mit relativ geringem Einspareffekt, während gleichzeitig auch die Zahl der Ausnahmeanträge von nach der Energieeinsparverordnung (EnEV) erforderlichen Dämmmaßnahmen bei den Bauaufsichtsämtern ansteigt. In beiden Fällen fehlt oft ein fundierter Bericht einer Energieberaterin eines Energieberaters, der die verschiedenen sinnvollen Varianten gegeneinander abwägt und die Kosten und Einsparungen vergleicht.

Eine der ersten Forderung, die sich aus der Veranstaltung ergab, war die nach besseren Praxisbeispielen und einer besseren Beratung. Axel Paul vom Haus & Grund Steglitz sprach sich dafür aus, dass die Bauaufsicht die Bauherren stärker beraten und unterstützen solle. Sein Verband vertrete sowohl Einzeleigentümer als auch Verwalter und Eigentümergemeinschaften, die je spezifischen Unterstützungsbedarf haben. Oftmals sei die Aufgabenverteilung zwischen Verwalter und Eigentümer nicht ausreichend geklärt. Weiterhin erforderten schon die Einzelmaßnahmen einer energetischen Sanierung einen hohen Sachverstand, der häufig nicht vorhanden sei.

Ingrid Vogler brach eine Lanze für den Sanierungsfahrplan, wie er sich in Baden-Württenberg gerade in der behördlichen Einführung befindet.

Frank Lipphardt wies darauf hin, dass dem Hang der Medien, gerne und ausführlich die wenigen schlechten Einzelfälle misslungener energetischer Sanierungen zu verbreiten, etwas entgegengesetzt werden müssen und den guten und gelungenen Beispielen zu einer stärker medialen Präsenz verholfen werden sollte.

Bei der Debatte um die „richtige“ Sanierung geraten leicht die Klimaschutzziele aus dem Blick: Ziel muss es sein, bis 2050 einen nahezu CO2-neutralen Gebäudebestand geschaffen zu haben. Eine Woche vor dem UN – Klimagipfel in New York sei es wichtig auf dieses Klimaschutzziel hinzuweisen, wie es der Weltkongress der Architekten im August d. J. in Durban getan hatte. Diesen Zielen sollten sich alle Überlegungen unterordnen, leitete Peter Schrage-Aden für den Aktionskreis Energie die Veranstaltung ein.

Ziel sollte es nach den Vorstellungen der Veranstalter sein, vielfältige Wege zu definieren, um mit möglichst wenig Energie gute und gesunde Lebensbedingungen zu möglichst geringen Kosten und bei Wahrung der Baukultur herzustellen. Diesem Leitgedanken sollten sich sowohl die Förderung durch die Bundesregierung, die Beratung durch Energieberater als auch andere administrative Maßnahmen unterordnen. Bauen und Modernisieren seien komplexe Vorgänge, die nicht in Einzelmaßnahmen zergliedert werden können. Der Gedanke der integralen Planung müsse stärker verankert werden. Das sei zwar als Erkenntnis trivial, in der gelebten Baupraxis aber noch lange nicht angekommen.

Herr Lipphardt stellte als Muster für einen integrativen Planungsansatz den Leitfaden Neukölln vor, der Beispiele für eine stadtbildgerechte und energetisch sinnvolle Sanierung aufzeigt. Der Leitfaden liegt im Bezirksamt Neukölln aus und kann – ebenso wie ein dazu gehöriger Flyer – im Internet unter: http://www.aktion-kms.de/service/veroeffentlichungen-downloads/fassaden-leitfaden/ heruntergeladen werden.

Jens-Holger Kirchner, Stadtrat für Stadtplanung in Pankow, der leider nicht teilnehmen konnte, hatte in einem Schreiben an dem AK-Energie den Zielkonflikt beschrieben: Pankow hat elf soziale Erhaltungsgebiete ausgewiesen, um das bestehende Wohnungsangebot und die soziale Zusammensetzung zu schützen. Dem stünden, so Kirchner, teilweise energetische Sanierungen entgegen. Um unverhältnismäßige Mietsteigerungen durch Sanierungen zu vermeiden, seien neue Regelungen für die Genehmigung von Wärmedämmmaßnahmen in sozialen Erhaltungsgebieten erlassen worden. www.berlin.de/ba-pankow/verwaltung/stadt/milieu.html

Danach muss die Erforderlichkeit einer Wärmedämmmaßnahme durch Gutachten belegt sein. Der Baustadtrat schreibt, dass hier noch ein Lernprozess stattfände.

Was in der Erhaltungsatzung ggf. fehlt, ist das Angebot zur qualifizierten Beratung im Bezirk und die Prüfung, ob einzelne Maßnahmen durch andere, den Zielen des Klimaschutzes entsprechende Maßnahmen, erfüllt werden können. Hierzu wurde von Ingrid Vogler in der Diskussion auf die Möglichkeiten der Steigerung der Energieeffizienz verwiesen, wie dem Heizungs-EKG, dem hydraulischer Abgleich oder solarer Heizungsunterstützung. Am Beispiel der Praxisberichte über Passivhäuser zeige sich, dass der prognostizierte Energieverbrauch von 15 kWh/m²a nur dann annähernd erreicht würde, wenn die Technik einwandfrei funktioniere und die Nutzer ausreichend eingebunden seien. Die realen Heiz­energieverbräuche lägen eher bei 50 kWh/m²a.

Die Diskussionsrunde war sich einig, dass die Beratung der einzelnen Akteure und die Qualifizierung der Berater verbessert werden kann und muss. Leitfäden, wie der Fassadenleitfaden aus Neukölln seien dazu gute Instrumente und sollten weitergeschrieben werden. Daneben müssen die gesetzlichen Vorgaben stringenter und klarer formuliert werden. Theresa Keilhacker verwies auf Sanierungsfahrpläne, die es Hauseigentümern erleichtern, aufeinander abgestimmte Maßnahmen zu beschließen. Diese müssten eine Vor-Ort-Begehung des Gebäudes, eine Analyse des Ist-Zustands und Varianten, wie bei der Sanierung vorgegangen werden kann, beinhalten: Die Sanierung in einem Zug und die Sanierung in mehreren Schritten[1]. Nach ihrer Erfahrung, so Frau Vogler, sei ein anzustrebender tatsächlicher Wert von 60 kWh/m²a Heizenergie machbar und realistisch, der durch die Summe der Einzelmaßnahmen erreicht werden kann. Wichtig sei deshalb, so Herr Schrage-Aden, nicht Einzelaspekte herauszugreifen, wie es jüngst beim Schallschutzfensterprogramm des Senats passierte, wo nur der Schallschutz im Vordergrund stünde und nicht das Stadtbild oder der Klimaschutz berücksichtig wurde.

Einigkeit bestand, dass der Fassadenleitfaden Neukölln weiter geschrieben, stärker verbreitet und auch prominenter in Internet präsentiert werden sollte. Mehr gut dokumentierte und evaluierte Best-Praxis-Beispiele würden benötigt und Aufklärung sei auf allen Ebenen erforderlich. Frau Keilhacker regte an, den Ring Deutscher Makler in die Weiterbildung einzubinden und Frank Lipphardt schlug einen Tag des sanierten Gebäudes in Anlehnung an den Denkmalschutztag vor.

Christa Markl-Vieto, zuständige Stadträtin für Klimaschutz bedankte sich in ihrem Schlusswort mit Verweis auf das öffentliche Bauen, in dem oft die Kohärenz der einzelnen Gewerke fehle und Leistungen, die zusammen gehören, getrennt vergeben würden. Im Studentendorf Schlachtensee, um ein Beispiel zu nennen, sei dieses nach langem Ringen letztlich sehr positiv gelungen.

Die Ergebnisse der Diskussion sollen als Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission des Abgeordnetenhauses, die Wege zur Energiewende berät, zur Kenntnis gegeben werden.

Frau Keilhacker lud ein, die Diskussion am 9. Oktober, 19 Uhr in der Architektenkammer weiter zu führen. Die gute Zusammenarbeit zwischen Bauherren, Architekten und Fachplanern im Quartier Friesenstraße wird dann als Beispiel einer integralen Planung vorgestellt und durch Besichtigungstouren der Agentur für nachhaltiges Bauen, Monika Remann, ergänzt.

 

[1] https://um.baden-wuerttemberg.de/de/energie/beratung-und-information/sanierungsfahrplan-bw/